MIM: Historie

AM ANFANG WAR CARL BAGUHN

DIE HISTORIE VON MIM UND KARL-FRIEDRICH BUCK

Bei dem Übergang der Firmenleitung von der Familie Baguhn auf den neuen Inhaber Karl-Friedrich Buck spielte eine Person eine besondere Rolle: Walter Grewe. Der zweite Sohn von Ludwig Grewe, dem Freund Carl Baguhns aus gemeinsamen Zeiten auf St. Pauli, hatte, wie schon erwähnt, 1935 bei CBH angefangen. Dies geschah auf Vermittlung seines Vaters, der wohl um einen geraden Lebensweg seines Jungen gebangt haben musste.

Denn vor seiner ersten Tätigkeit bei CBH hatte er zwar vielversprechend angefangen, nachdem er eine Lehre zum Elektro-Maschinenbauer gewählt und abgeschlossen hatte. Eine Laufbahn in diesem Beruf machte die Weltwirtschaftskrise schon im Ansatz zunichte. Grewe wurde wie Millionen anderer arbeitslos. Also versuchte er sich als Taxifahrer. Er kellnerte auch in Vaters Etablissement. Verdingte sich dort als Klavierspieler. Vielseitigkeit also zeichnete ihn aus – doch solcher Facettenreichtum konnte den Vater nicht recht beglücken. Also bat er Freund Carl Baguhn, sich des jungen Mannes anzunehmen – geboren worden war er am 10. Januar 1907.

Im Alter von 28 Jahren – ähnlich Henry Baguhn – begann Grewe am 1. Dezember 1935 zunächst als Fahrer. Das blieb er nicht lange: Baguhn erkannte sein Organisationstalent und versetzte ihn in das Betriebsbüro zu den Meistern Ahrens und Exß. Grewe lernte. Und er hatte das Glück, nicht einberufen zu werden, als der Krieg begann. Offenkundig aber wurde das Manko, bei immer verantwortungsvolleren Aufgaben nur den Gesellenbrief als fachlichen Hintergrund zu haben.

Also nutzte Baguhn den erzwungenen Fast-Stillstand nach der Bombardierung und schickte seinen Zögling auf einen Werkmeisterlehrgang an die Technische Schule Eisen und Metall am Besenbinderhof. 'Berufserziehung und Betriebsführung' hieß das damals. Als Grewe mit dem Abschlusszeugnis zurück in die Glashüttenstraße kam, vollzog Baguhn den die nächsten Jahrzehnte prägenden entscheidenden Schritt: Er machte Walter Grewe mit dem 1. April 1944 zu seinem Betriebsleiter.

Anstelle von Sohn Henry, der noch immer mit der mobilen Werkstatt im Osten Kriegsgerät reparierte. Vor allem aber hatte Grewe – in weiser Voraussicht oder wegen gänzlicher Indifferenz gegenüber dem Regime – nicht die Spur eines braunen Schattens, weshalb auch Emil Dahlmann, der erste Betriebsratsvorsitzende im neuen Deutschland, keine Lücke fand, um ihm an den Karren zu fahren. Allerdings verstand es der Betriebsleiter in den Monaten nach dem Zusammenbruch und der 'Entnazifizierung' von CBH nicht, dem Treiben der 'neuen Herren' einen spürbaren Widerstand entgegenzusetzen.

Nachteilig auf die Zusammenarbeit zwischen dem väterlichen Baguhn und seinem jungen Mann wirkte sich das in keinem Fall aus. Im Gegenteil: Die Position Grewes in der Firmenhierarchie krönte der Alte 1963, als er dem Sohn seines schon 1936 verstorbenen Freundes und Gönners Gesamtprokura erteilte. Damit hatte er Fakten geschaffen, das Feld bestellt, nicht das Erbe geregelt, aber die Leitung seiner Firma maßgeblich bestimmt.

Der Chef war 86 Jahre alt, immer noch rüstig, weiterhin geistig rege. Aber es galt, die Weichen zu stellen. Als er zwei Jahre später, am 1. März 1965, starb, akzeptierte die Belegschaft uneingeschränkt den Wechsel an der Spitze des Unternehmens. Überliefert ist der Ausspruch Kalli Rüsselhubers, der bereits seit 1925 zur Mannschaft gehörte (und sein Vater Carl noch länger, wohl schon bald nach der Firmengründung): 'Der Chef ist tot – es lebe der Chef!'

Das Verhältnis zwischen dem Firmeninhaber Henry Baguhn und Betriebsleiter Walter Grewe war vielleicht nicht überschwänglich-herzlich, aber sie arbeiteten gut und zu beiderseitigem Nutzen zusammen. Als es dann mit der Gesundheit Henry Baguhns 1977 deutlich bergab ging – er starb gleichwohl überraschend am 24. Februar 1978 – und es weder in der eigenen Familie noch in denen seiner Geschwister einen Nachkommen gab, der von der Neigung her das Firmenerbe antreten konnte, stand für Grewe fest: Er musste einen Käufer für den nun seit 72 Jahren bestehenden Betrieb finden. Dazu brauchte es Kontakte.

Hans AdamWer bot sich da besser an als der langjährige Steuerberater Hans Adam? Der zählte zu seinem Kundenstamm auch einen jungen Mann, den Geschäftsführer der Marine- und Industrie-Montage G.m.b.H. Karl-Friedrich Buck, geboren am 8. August 1943 in Osten an der Oste (beide mit langem O) in der Nähe von Cuxhaven. Der Vater besaß keine übermäßigen Reichtümer. Er ermöglichte dem Sohn dennoch im Rahmen seiner Möglichkeiten ein Studium zum Schiffsingenieur: Der Junge konnte zu Hause wohnen, brauchte auch kein Kostgeld zu zahlen. Für alles andere aber musste er selbst aufkommen. Es gab Erspartes aus Jahren auf See, in denen er sich als Ingenieur-Assistent verdingt hatte. Freilich übte der Vater auch deutlichen Druck aus: 'Sieh zu, dass du dein Studium zügig hinter dich bringst. Glaub nicht, dass du bummeln kannst, gar ein Semester wiederholen darfst. Nicht bei mir! Nicht mit mir!'

Also schloss er die Ausbildung in der Regelzeit ab. Und heuerte als leitender Ingenieur an. Dann sorgten 1971 drei Einschnitte, der eine privat, die anderen Schifffahrtsgeschichte, für eine Zäsur: Bucks Sohn Sven wurde geboren. Die Container setzten sich durch. Mit der Folge immer kürzerer Liegezeiten in den Häfen: 'Extrem kurzer Liegezeiten. Das war nicht mehr meine Schifffahrt. Und auch nicht der beginnende Sprachenwirrwarr an Bord, zwei, drei Offiziere aus Deutschland und der Rest aus aller Welt.'

Er ging zu einem Kieler Unternehmen, das ein Produkt der US-amerikanischen Philadelphia Resins Corporation vertrieb. 'Chockfast – ein gießbarer Kunststoff, mit dem einmal mechanisch ausgerichtete Motoren oder Maschinenteile fixiert werden können, wir sagen auch: fundamentiert werden können.' Buck war gut in seinem Geschäft, so gut jedenfalls, dass die 'Jungs aus Philadelphia' ihn mehr als einmal drängten, den deutschen Markt zu übernehmen.

Benötigtes Eigenkapital: 200 000 Deutsche Mark. 'Ich war kaum dreißig, hatte Familie und lebte in einer Sozialwohnung!' Dann überschlugen sich die Druckwellen. Buck bekam ein Angebot, in eine Firma zu wechseln, die den Vertrieb von Chockfast übernehmen wollte. Er erbat Bedenkzeit, Philadelphia machte klar, dass er in dem neuen Job gebraucht würde. Viel lieber aber hätten sie ihn direkt. Er auch – aber woher 200 000 Mark nehmen? Er erinnert sich, als sei es erst gestern gewesen: 'Ich bin zur Bank. Der Name spielt keine Rolle. Und war schnell wieder draußen. Ich habe mich selten so gedemütigt gefühlt.'

Peter HuweHeddo FrickeKlaus LaumayerKonnten Freunde helfen? Es gab welche. Peter Huwe. Heddo Fricke. Klaus Laumayer, der gleichfalls Klient war beim Steuerberater Hans Adam. Und wo treffen sich meist junge Männer, wenn sie ein Geschäft erörtern wollen? Der Anglo-German-Club an der Außenalster gehört zu den ersten Adressen.

Buck legte die Karten auf den Tisch, die Freunde das Geld. Laumayer, Fricke und Buck stiegen ins Flugzeug, düsten mit der phänomenalen 747 über New York nach Philadelphia, machten Shakehands. Ein wenig blass wird Buck noch heute, wenn er erzählt, wie sein Freund Laumayer mit den US-Boys jonglierte. Was Chockfast denn koste. Für ein Schiff? Aha. Und für fünf Schiffe? Ah ja. Und für zehn Schiffe? So, so. Was wäre mit hundert Schiffen? Für eine solche Nachfrage gab es keine Rubrik in der Preisliste. 'Aber ich will Chockfast für 100 Schiffe – also, was kostet das?' Fricke und Buck versuchten mit verzweifelter Zeichensprache, den Freund von seinem Wahnsinnstripp herunterzuholen. Der verhandelte über einen Gegenwert von 100.000 Dollar, damals runde 210.000 Deutsche Mark. Und das bei einem Eigenkapital von 200.000!
Klaus Laumayer, Friedrich Buck, Heddo Fricke in Philadelphia
Keine Situation für weiße Nasen. Laumayer blieb hart, die US-Partner bewegten sich und schlossen schließlich den größten Einzelauftrag in der Produktgeschichte ab. 'Wir mussten es nur noch lagern', erzählt Buck mit leisem Schauder. Im Freihafen. Immerhin kletterte das Trio reich mit Verträgen versehen am Montagmorgen die Fuhlsbüttler Gangway hinunter und gründete die MIM, die Marine- und Industrie-Montage G.m.b.H.

Buck ging 'zur Sache'. Das heißt, er malochte bis zum Ehekrach, zog einen Auftrag nach dem anderen an Land. Zeitweilig lagen bei Blohm+Voss, bei HDW und auch bei MAN zugleich vier Schiffe nebeneinander, um die Motorfundamente bearbeitet zu bekommen. 'Wir haben richtig gut Geld verdient. Aber uns war auch bewusst: Das würde nicht ewig so weitergehen. Wir brauchten ein weiteres Standbein. Was lag in unserer Branche, ich als Schiffsingenieur, meine Partner als Schiffsmakler und Kaufleute, näher, als es mit Schiffen, na ja, erst mal einem Schiff, zu versuchen? Wir hatten auch schon eines im Auge. Baujahr 1948. Es sollte für uns Zement von Algerien ins Boomland Spanien bringen. Meine Firma saß im Pickhuben 6 in der Speicherstadt. Dort hatten wir uns verabredet. Fricke, Huwe, Laumeyer. Und dessen Steuerberater Adam. Um 19 Uhr. Wir schoben die Pläne, die Geldberechnungen hin und her, weil Adam fehlte. Als er endlich um halb neun kam, empfing ihn eine Schimpfkanonade. Er hätte doch wohl mal anrufen können. Adam blieb völlig ungerührt, sagte: 'Nehmt das mal vom Tisch. Kennt ihr Carl Baguhn Hamburg? Ich kenne die. Ich bin dessen  Steuerberater seit 1957. Ich komme gerade von dort. Die Firma steht zum Verkauf.'


1905-2005 – 100 Jahre Carl Baguhn (Buch als gebundene Ausgabe)Quelle: 1905 – 2005 – 100 Jahre Carl Baguhn Hamburg
(Buch als gebundene Ausgabe)

HISTORISCHES

 1977 DDR Freigabe Chockfast


 

1979 Chockfast Bulletin 640A

1980 Chockfast Bulletin 640B


1982 CHOCKFAST versatile high-performance epoxy resin systems 605A


1982 Chockfast Bulletin 634